Friendship.

Lea (German/Deutsch)

“Ist hier noch frei?” Im Nachhinein ist es fast amüsant, dass unsere erste Begegnung mit diesem Satz beginnen sollte.

Es war der erste Donnerstag in meiner langwierigen Uni-Karriere und ich saß in einem viel zu stickigen Hörsaal. Wir schreiben das Jahr 2013, es ist Oktober und dies ist meine erste Vorlesung. Noch sind alle wahnsinnig aufgeregt, wahnsinnig nett zueinander und keiner weiß so richtig, wohin mit sich, seiner Nervosität sowie Mäppchen und Block auf dem viel zu kleinen “Tisch”.

Ich blicke also in ein großes Paar blauer Augen, das Erste, was mir auffällt und dann sitzt sie neben mir und keiner weiß so richtig, was er sagen soll.

Eine Woche vergeht und sie sitzt wieder neben mir. Dieses Mal hat sie eine Freundin mitgebracht und wir stellen fest, dass wir nicht einmal wissen, wie die jeweils Andere heißt. Wir lachen und ich stelle mich vor. “Ich bin Lea”, sagt sie.

4 JAHRE SPÄTER

Es ist wieder eines dieser Treffen, nachdem man sich nicht ganz so hilflos fühlt. Lea und ich waren Kaffee trinken und ich packe die neusten Geschichten über die Tinder-Männerwelt aus und Lea erzählt etwas über ihren neuen Job.

Es ist seltsam, dass wir diesen Abschnitt des Studierens zusammen angefangen haben, und jetzt hänge ich in der Schwebe und sie ist einfach weiter gegangen. Verdient hat sie es sich ja natürlich, aber manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass ich neidisch auf sie bin.

Überhaupt, ich habe manchmal das Gefühl, sie ist in allem weiter als ich. Lea ist der Typ Mensch, der noch ein Lächeln für denjenigen über hat, der an der Kasse drängelt, sie beim Autofahren nicht in die Spur lässt oder direkt vor ihr das letzte Stück ihres Lieblingskuchens kauft. An der Stelle raste ich schon aus, Herzrasen, negative Gedanken. Alles trivial, denken die meisten Leute und vielleicht sieht sie es so auch.

Es gibt wichtigere Dinge im Leben, würde sie wohl sagen, wenn ich mich mal wieder aufrege. Du musst durchatmen und darüber nachdenken, dass du Positives anziehst, wenn du positiv denkst. Bei allen Anderen wirkt so eine Einstellung wie die perfekte Kopie eines Instagram-Motivationsspruches, glasiert mit Pseudo-Yogapose als Bild.

Nicht so bei Lea, denn sie sagt Dinge nicht nur, um sie zu sagen, sondern weil sie sie so meint. Ein rares Talent oder sollte ich besser sagen, ein besonderer Charakterzug, den ich an niemandem so schätzen gelernt habe wie an ihr.

Manchmal trifft man Menschen, denen man sich nicht entziehen kann. Selbst wenn man wollte, man kann sie nicht nicht mögen. Irgendwas Liebenswertes muss man einfach finden, und sei da noch so viel ablehnende Haltung von einem selbst, sie sind einfach nett.

Stelle man sich vor, man kommt in einen Raum und muss sich an einen Tisch sitzen. Jede Wette, dass ich mich zu ihr setzen würde, auch vorausgesetzt wir würden uns nicht kennen, einfach, weil ich fände, dass sie wirkt wie ein guter Mensch.

Doch auch die Sonne zeigt sich nicht überall zu jeder Zeit und wenn es dunkel wird, dann vollkommen. Es gehört eine Menge Vertrauen dazu, jemandem auch die Schattenecke zu zeigen und ich bin einer der letzten Menschen, der gerne privat über seine Probleme redet. Doch kommt es nur darauf an, dass man den richtigen Menschen findet und schon scheint es, als hätte man nie etwas Anderes getan. Manche Leute hören, was ich sage – Lea hat es verstanden, bevor ich mich ganz erklären musste.

Die Wahrheit ist ein unangenehmer Zeitgenosse, doch hat man sich einmal daran gewöhnt, mit ihm umzugehen, kann man ihn sich gar nicht mehr wegdenken.

Keiner ist so darauf versessen, dass man ihr die Wahrheit sagt, frei heraus, genau so wie es gerade in dem Moment kommt und zwar alles, wie sie. Nachdem mir das keine Angst mehr gemacht hat und ich mich daran gewöhnt habe, mich so zu fühlen, als würde ein Blick aus den großen blauen Augen reichen, um herauszufinden, ob ich nicht doch nur die halbe Geschichte erzähle, habe ich kaum noch ein Problem damit, auch bei Anderen einfach herauszubringen, was ich gerade denke.

HEUTE

Heute ist dein Geburtstag. Das ist nicht ganz wahr, denn der ist schon einige Tage her. Doch heute wird gefeiert und daher wünsche ich Dir nochmals nur das Beste für das kommende Jahr. Ich habe tatsächlich noch niemanden getroffen, der so sehr und gleichzeitig so wenig ist wie ich und vielleicht ist dieser Zustand die geheime Zutat für das Rezept einer guten Freundschaft. Ich bin mir sicher, dass wir daran festhalten werden, egal, in welche Richtung wir beide gehen ❤

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